Der Ozean schlägt Alarm
Den Artikel wolle ich schon vor ein paar Tagen veröffentlichen, doch aktuell ist er immer noch,.
Während in Berlin über neue Gesetze gestritten wird, macht der Pazifik etwas, das sich nicht wegdiskutieren lässt:
Er wird immer wärmer. Genauer gesagt zeigt die sogenannte Niño-3.4-Region im tropischen Pazifik Werte, die es seit Beginn der modernen Satellitenmessungen noch nie gegeben hat. Die rote Linie in den aktuellen Klimagrafiken schießt förmlich nach oben, während alle früheren Jahre weit darunter bleiben.
Der Ozean sendet ein deutliches Warnsignal. Doch ausgerechnet jetzt entscheidet sich die Bundesregierung, das bisher wichtigste deutsche Klimagesetz – das umgangssprachlich als Heizungsgesetz bekannt wurde – praktisch zu beerdigen.
Man könnte fast glauben, die Politik schaut lieber auf Umfragewerte als auf Thermometer.
Keiner sagt Deutschland müsse das Klima alleine Retten. Das geht nicht.
Aber Deutschland hat nach über 140 Jahren Wirtschaft einen gehörigen Anteil an dem Debakel.
El Niño ist kein gewöhnliches Wetter
El Niño ist kein neues Phänomen. Etwa alle zwei bis sieben Jahre erwärmt sich der tropische Pazifik ungewöhnlich stark.
Dadurch verschieben sich Wetterlagen auf der ganzen Welt. In Südamerika kommt es oft zu heftigen Regenfällen und Überschwemmungen. Australien, Indonesien und Teile Afrikas kämpfen dagegen mit Dürren und Waldbränden.
Was dieses Jahr anders ist: Die Temperaturen liegen bereits im Sommer rund zwei Grad über dem Durchschnitt der Jahre 1982 bis 2020. So hohe Werte wurden zu diesem Zeitpunkt noch nie gemessen.
Selbst die berühmten Rekordjahre 1997 und 2015 wirken daneben fast wie harmlose Generalproben.
Die US-Wetter- und Ozeanbehörde NOAA hat El Niño offiziell bestätigt. Nach ihren Berechnungen besteht eine Wahrscheinlichkeit von rund 97 Prozent, dass das Ereignis bis ins Frühjahr 2027 anhält.
Viele Klimamodelle gehen sogar davon aus, dass der bisher stärkste El Niño der Messgeschichte erreicht oder sogar übertroffen werden könnte. Zwar mahnen Wissenschaftler wie Zeke Hausfather zur Vorsicht, weil ein Ereignis dieser Größenordnung bisher nie beobachtet wurde.
Doch eines steht fest: Der Ozean bewegt sich derzeit in Bereichen, die selbst erfahrene Klimaforscher als „unbekannte Gewässer“ bezeichnen.
Der Klimawandel mischt kräftig mit
El Niño allein erklärt diese Entwicklung nicht. Seit Jahren erwärmen sich die Weltmeere durch den menschengemachten Klimawandel.
Der europäische Klimadienst Copernicus meldet bereits den dritten Rekord bei den globalen Meeresoberflächentemperaturen innerhalb weniger Jahre. Warme Ozeane geben mehr Energie an die Atmosphäre ab. Das bedeutet mehr Hitzewellen, stärkere Unwetter, längere Dürren und steigende Kosten für Landwirtschaft, Versicherungen und letztlich für jeden von uns.
Wer glaubt, das spiele sich alles nur irgendwo am anderen Ende der Welt ab, wird spätestens beim nächsten Einkauf oder der nächsten Hochwasserwarnung feststellen, dass der Klimawandel keine Postleitzahlen kennt.
Die Bevölkerung will mehr Klimaschutz als viele Politiker glauben
Besonders erstaunlich ist, dass viele politische Entscheidungen mit angeblicher Klimaschutz-Müdigkeit begründet werden.
Doch genau das stellt eine neue internationale Studie infrage, die im Fachjournal Nature Climate Change veröffentlicht wurde. Die Forscher zeigen, dass Politiker und Bürger die Zustimmung zu wirksamen Klimaschutzmaßnahmen deutlich unterschätzen.
Viele Menschen glauben fälschlicherweise, sie seien mit ihrer Meinung in der Minderheit. Tatsächlich gibt es oft eine breite Mehrheit für ehrgeizigen Klimaschutz.
Dieser Irrtum wird durch laute Debatten, soziale Medien und zugespitzte Schlagzeilen zusätzlich verstärkt.
Kurz gesagt: Wer ständig hört, niemand wolle Klimaschutz, glaubt irgendwann daran – auch wenn die Umfragen etwas anderes sagen.
Politik nach Wetterbericht?
Man könnte meinen, wenn der wichtigste Klimaindikator unseres Planeten Rekorde bricht, wäre das der Moment, entschlossen zu handeln.
Stattdessen wird über den Rückbau von Klimaschutzmaßnahmen diskutiert.
Das wirkt ungefähr so, als würde der Kapitän eines Schiffes beim Ertönen des Eisberg-Alarms zuerst das Fernglas verkaufen, weil sich einige Passagiere über den Preis beschwert haben.
Natürlich löst Deutschland den Klimawandel nicht allein. Aber Deutschland kann entscheiden, ob es Teil der Lösung oder Teil des Problems sein möchte.
Der Pazifik interessiert sich nämlich herzlich wenig für Wahlperioden, Koalitionsverträge oder Schlagzeilen.
Er reagiert ausschließlich auf Physik. Und gegen Naturgesetze hilft leider keine Pressekonferenz.
Quellen
NOAA – National Oceanic and Atmospheric Administration (El Niño und OISST-Datensatz)
Copernicus Climate Change Service (C3S)
Nature Climate Change – Studie zur öffentlichen Unterstützung für Klimaschutzmaßnahmen
Zeke Hausfather (Climate Scientist, Berkeley Earth) – Auswertungen der NOAA-OISST-Daten
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