Eine Geschichte
Es begann an einem dieser hellen Tage, an denen die Welt fast ein wenig zu klar erscheint. Jonas saß am Fenster eines Zuges, der durch die flachen Landschaften Brandenburgs fuhr. Die Wälder, die Felder, sogar die Dörfer wirken wie Filmkulissen.
Und doch spürte er, dass hinter all dem eine Frage lauerte, die größer war als er selbst: Wie kann ein System, das niemals Ruhe kennt, jemals nachhaltig sein?
In seinem Rucksack: Paechs Befreiung vom Überfluss, zerlesen, voll mit Eselsohren. Seit Wochen ließen ihn die Gedanken daraus nicht los. Paech beschrieb darin ein Wirtschaftssystem, das sich selbst überlebt hatte – eines, das nur funktionierte, solange es wuchs. Und eines, das in einer endlichen Welt immer häufiger an seine Grenzen stieß.
Während der Zug Lübbenau näher kam, hallte ein Satz in ihm nach: Der Kapitalismus ist strukturell auf Wachstum ausgelegt. Ein Satz, den er oft gehört hatte, der aber erst jetzt, während er die Landschaft betrachtete, seine ganze Wucht entfaltete.
Jonas hatte gelernt, dass marktwirtschaftliche Systeme nicht einfach wachsen können – sie müssen. Investitionen wollen Rendite. Unternehmen müssen expandieren, um konkurrenzfähig zu bleiben. Innovationen erzeugen einen permanenten Wachstumsdruck.
Stillstand bedeutet Rückschritt.
Doch je länger Jonas darüber nachdachte, desto mehr merkte er, wie sehr dieser Druck alles durchdrang. Von Unternehmen über Konsumenten bis hin zu Staaten. Selbst die Politik definierte Erfolg über Zahlen wie das Bruttoinlandsprodukt – ein Maß, das alles misst, außer dem, was wirklich wichtig ist.
Die Frage, die niemand stellt
Seit Jahren wurde die gleiche Debatte geführt: Kann Wachstum unendlich sein?
Eine scheinbar kluge Frage, doch Jonas wusste mittlerweile: Sie führte in die Irre.
Die eigentliche Frage musste lauten:
„Brauchen wir Wachstum, um gut leben zu können?“
Und plötzlich öffnete sich ein ganz neuer Horizont.
Immer mehr Länder begannen, andere Wohlstandsindikatoren zu nutzen:
Lebenszufriedenheit, Bildung, Gesundheit, Ökologische Stabilität, Teilhabe,
Dinge, in denen es um Menschen ging – und nicht um die Maschinenräume der Wirtschaft.
Diese Ansätze bestätigten Paechs zentrale These: Wohlstand war mehr als monetärer Output. Er war Beziehung, Zeit, Sicherheit, Sinn, Selbstwirksamkeit. Und genau das war nicht zwingend an ständiges Wachstum geknüpft.
Vielleicht, dachte Jonas, brauchten wir gar kein „Mehr“, um besser zu leben. Vielleicht brauchten wir ein „Genug“.
Die Grenzen des Wachstums
Als der Zug langsamer fuhr dachte Jonas an die aktuellen Wirtschaftsprognosen. Deutschland, hieß es, werde in den kommenden Jahrzehnten nicht mehr zu jährlichen Wachstumsraten von 2, 3 oder gar 4 Prozent zurückkehren. Das Ifo-Institut sprach längst von einem strukturellen Trend zu eher 1 Prozent Wachstum, wenn überhaupt.
Und es gab Gründe genug:
- eine schrumpfende Erwerbsbevölkerung
- ein globaler Konkurrenzdruck, der härter wurde
- der demografische Wandel
- ökologische Grenzen und Ressourcenknappheiten
Manche Ökonomen hielten sogar eine Phase dauerhaft niedrigen oder null Wachstum für möglich. Eine „Stagnation“, wie sie nüchtern genannt wurde — oder sanfter formuliert: ein Ankommen in der Realität.
Vielleicht war die Wachstumsfrage längst keine theoretische mehr. Vielleicht stand die Antwort schon an den Wandtafeln der Ökonomen – wir mussten sie nur lesen.
Rebound und Realität
Der Zug bremste. Jonas spürte das leichte Zittern der Wagons. Effizienz, dachte er, war lange als Lösung gepriesen worden – doch Paech hatte recht: Effizienzgewinne fraßen wir immer wieder durch Mehrverbrauch auf. Der Rebound-Effekt.
Effizientere Motoren führten zu größeren Autos. Effizientere Chips zu mehr Daten, mehr Geräten, mehr Nutzung. Effizientere Heizungen zu größeren Häusern. Es war ein Muster.
Und selbst die Digitalisierung, die angeblich immateriell war, hatte einen massiven ökologischen Fußabdruck.
Ein neues Kraftwerk des Kapitalismus
Der Zug fuhr in den Bahnhof ein, und Jonas sah die Kräne schon von Weitem. Die Schwarz-Gruppe – Mutter von Lidl und Kaufland – investierte hier elf Milliarden Euro in ein neues Rechenzentrum. Die größte Einzelinvestition der Unternehmensgeschichte. Zweieinhalb Milliarden für den Bau, der Rest für Server, Kühlung, IT.
Ein Kathedralenbau der Datenwirtschaft.
Und plötzlich verstand Jonas, dass Wachstum längst nicht mehr nur sichtbar in Fabriken stattfand. Es fand statt in Datenleitungen, Servern, Algorithmen, Metall, Beton, Kabeln – und vor allem in Strom. Unmengen von Strom.
Rechenzentren verbrauchten 2024 bereits 415 Terawattstunden Strom. 1,5 Prozent des weltweiten Verbrauchs – Tendenz steigend.
Große KI-Modelle benötigten beim Training mehrere hundert bis tausende Megawattstunden.
GPT-3 allein: 1.287 MWh – rund 370 Jahresverbräuche privater Haushalte in Europa.
Und GPT-3 war alt.
Jonas fragte sich, ob diese Form des Wachstums jemals zu stoppen wäre, solange das System weiterlief wie bisher.
Die Gespräche im Spreewald
Später, in einem kleinen Café, traf Jonas eine ältere Frau, die ihm erzählte, wie sehr sich die Region veränderte. „Früher war hier Landwirtschaft, Handwerk“, sagte sie. „Heute kommen die IT-Leute, die Investoren. Sie sagen, das sei die Zukunft.“
Jonas erzählte ihr von Paech, von der Idee, Wohlstand neu zu denken, weg von rein ökonomischen Kennzahlen.
Die Frau schwieg einen Moment und sagte dann:
„Es klingt gut. Aber wissen Sie, was ich glaube? Ein System, das nie aufhört zu laufen, kann seine Richtung nicht ändern. „Es rennt einfach weiter, bis es nicht mehr kann.“
Und niemand fragt: „Müssen wir eigentlich rennen?“
Wohin führt das alles?
Auf der Rückfahrt sah Jonas die flackernden Baustellenlichter wie kleine Lagerfeuer des digitalen Zeitalters. Und er wusste: Die weltweite Debatte würde sich weiter an der falschen Frage abarbeiten – ob Wachstum möglich sei.
Dabei lag die Wahrheit längst offen:
Ob Wachstum möglich ist, entscheidet die Physik.
Ob wir wachsen müssen, entscheidet die Politik.
Und ob wir gut leben, entscheidet die Gesellschaft selbst.
Vielleicht, dachte Jonas, war es Zeit, diese Hierarchien umzudrehen.
Vielleicht müsste man Wohlstand endlich so messen, wie er sich anfühlt – nicht wie er sich rechnet.
Und doch:
Jede Veränderung beginnt mit einem Gedanken.
Und manchmal auch mit einem Satz wie diesem:
Der Kapitalismus ist strukturell auf Wachstum ausgelegt. Und genau deshalb muss er überwunden, ersetzt oder zumindest radikal begrenzt werden.
Und vielleicht begann der Weg in eine nachhaltige Zukunft genau dort, wo man aufhörte, Wachstum als Naturgesetz zu betrachten.
Jonas schloss das Fenster des Zuges und sah seine Spiegelung im Glas.
Vielleicht, dachte er, war es Zeit, diesen Gedanken ernst zu nehmen.
Nicht als theoretischen Satz – sondern als Ausgangspunkt einer anderen Geschichte.
- Endet Wachstum völlig (Stagnation oder Rückgang)? Auch das ist möglich – strukturelle Hemmnisse wie sinkende Erwerbsbevölkerung, Wettbewerbsfähigkeit, demografischer Wandel, Ressourcengrenzen könnten Wachstum dämpfen. ifo Institut+1
- Ende des Wachstumsrekords oder „klassischen Wachstums“? Wachstum wie in Boomzeiten („2 %+ jährlich“ oder mehr) scheint in Deutschland derzeit nicht in Sicht – jedenfalls ohne große Reformen und Impulse. ifo Institut+1
- Niko Paech (2012): Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie.
Oekom Verlag, München. - Laut IEA verbrauchten Data-Centers 2024 weltweit ungefähr 415 TWh Strom, das sind etwa 1,5 % des globalen Strombedarfs. IEA+2S&P Global+2
- Deutschlandfunk: „Schwarz-Gruppe baut Rechenzentrum im Spreewald“ Deutschlandfunk

