„Setzen, sechs – Thema verfehlt.
Es gibt kaum einen treffenderen Satz für den Auftritt von Friedrich Merz auf der Weltklimakonferenz in Belém. Auf einem Gipfeltreffen, das über das Überleben ganzer Regionen entscheidet, brachte es der Bundeskanzler fertig, den Ausstieg aus fossilen Energien nicht einmal zu erwähnen.
Nicht ein Satz. Nicht ein Wort. Ausgerechnet dort, wo die Staaten der Welt beweisen müssen, dass sie das Pariser Abkommen ernstnehmen.
Während Merz sprach, standen nur wenige Meter entfernt Aktivisten die mehr als 150.000 Unterschriften für konsequenten Klimaschutz übergeben hatte, von denen eine meine war.. Sie hofften, zumindest hier – im Schatten des Amazonas, mitten im Herzen der bedrohten Lunge des Planeten – ein Signal zu erhalten. Aber wer auf ein klimapolitisches Bekenntnis des Kanzlers gewartet hat, wurde enttäuscht.
Und die Welt brennt weiter: Karibikinseln werden von Hurrikans verwüstet. Vietnam versinkt in Wassermassen. In der Türkei verdorrt die Landwirtschaft. Milliardenverluste, zerstörte Lebensgrundlagen, Tote – nicht irgendwann in der Zukunft, sondern jetzt. Eine Klimakonferenz soll Schutz geben, politische Führung zeigen, Verantwortung übernehmen. Doch aus der deutschen Regierungsbank kommt nichts außer Schweigen.
Genau deshalb ist klar: Ohne massiven öffentlichen Druck wird sich nichts bewegen. Am 14. November soll es weltweit Demonstrationen geben – weil die Straße heute wirksamer scheint als die Verhandler in klimatisierten Konferenzräumen.
Dabei ist Belém eine symbolische Zäsur. Zehn Jahre ist es her, dass in Paris das 1,5-Grad-Ziel gefeiert wurde. Zehn Jahre, die größtenteils verloren wurden. Und jetzt? In Washington sitzt wieder ein Präsident, der die Klimakrise leugnet. Die internationale Stimmung kippt. Verträge werden gebrochen oder ignoriert. Und Deutschland? Präsentiert eine Rede, die wirkt wie aus einer anderen Zeit.
Wer zurückschaut, erkennt ein Muster: Klimapolitik bewegt sich nur, wenn sie dazu gezwungen wird. Hunderttausende protestierten in Paris. In Glasgow marschierten Aktivist*innen im strömenden Regen. In Dubai organisierten sie Aktionen trotz staatlicher Repression. In Scharm el-Scheich protestierten sie für politische Gefangene. Klimaschutz entsteht nicht aus Nettigkeit – er entsteht, weil Menschen Druck machen.
Belém steht vor einem doppelten Problem: Die Welt braucht Ergebnisse, damit das Vertrauen in internationale Verhandlungen nicht endgültig zerfällt. Doch Ergebnisse entstehen nur, wenn Staaten den Mut haben, fossile Energien endlich hinter sich zu lassen. Genau diesen Mut ließ Merz vermissen.
Natürlich ist die fossile Lobby stark. Natürlich versucht sie, jede Veränderung zu verzögern. Aber genau deshalb braucht es eine Gesellschaft, die sich nicht einschüchtern lässt. Wer glaubt, Protest bringe nichts, irrt – Geschichte zeigt das Gegenteil.

