Am 1. August fand im Arboretum ein spannender Vortrag zum Thema „Mythen und Sagen im Vogtland“ statt. Aufgrund der hohen Besucherzahl wurde dieses Mal nicht – wie sonst üblich – im kleinen Lesesaal des Weber-Demming-Hauses gelesen, sondern im größeren Raum des „Arboretum Cafés“. Eine gute Entscheidung, wie sich schnell zeigte: Das Interesse war groß – nicht zuletzt, weil es bereits die zweite Veranstaltung dieser Art war.
Das Vogtland ist reich an düsteren Legenden, mystischen Gestalten und überlieferten Schauergeschichten. Die Region scheint förmlich davon durchdrungen. Einige der eindrucksvollsten Erzählungen sind:
- Der gespenstische Hase vom Lohhaus bei Schilbach
- Das wimmernde Schaf in den Felsen bei Schöneck
- Das geisterhafte Kalb aus Oelsnitz sowie die dort bekannten Erdmenschen, die angeblich bevorstehende Todesfälle ankündigen
- Das feuerspeiende Schwein von Obelosa
- Die Klagemutter, ein Schaf, das sich vor Plauener Häuser legt, in denen bald jemand sterben soll
- Der schwarze Bär von Reusa – ein in ein Tier verwandelter, hartherziger Förster, der Angst und Schrecken verbreitete
Diese Liste lässt sich nahezu endlos fortsetzen – das Vogtland ist ein wahres Schatzkästchen voller geheimnisvoller Erzählungen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden:
Sagen sind weit mehr als erfundene Märchen. Sie sind – wie es der Heimatforscher Dr. Köhler treffend formulierte – „das Archiv der Geschichte eines Volkes, lange bevor die Geschichtsschreibung ihren Platz einnahm“. In ihnen steckt das Echo vergangener Zeiten: die Ängste und Hoffnungen der Menschen, ihre Versuche, das Unerklärliche zu deuten, und ihr Blick auf die Welt.
Gerade deshalb lohnt es sich, diese Geschichten auch heute lebendig zu halten. Sie sind ein Stück unserer Identität, ein kulturelles Erbe, das verbindet – und ein Schatz für alle, die Heimat, Tradition und Geschichte mit offenen Ohren und Herzen entdecken wollen.
Die feurigen Männer und die Weiße Frau
Manche Sagen aus dem Vogtland sind so eindrucksvoll, dass sie bis heute nachhallen. In Hof etwa, an den Ufern der Saale, sollen einst die „feurigen Männer“ ihr Unwesen getrieben haben – geisterhafte Lichter, die Wanderer in die Irre lockten und sie ins Wasser oder in gefährliche Sümpfe führten.
Auch von einer geheimnisvollen weißen Frau wird erzählt. Sie erscheint, wenn Gefahr droht oder wenn alte Erinnerungen erwachen. Warum es in so vielen Geschichten immer Frauen in Weiß sind? Eine Frage, der wir vielleicht im nächsten Jahr nachgehen.
Schrätzel, Zwerge und Moosleute – zwischen Mythos und Wirklichkeit
In Moschendorf erinnern sich die Älteren noch an die Schrätzel – winzige, gutmütige Wesen, die den Menschen halfen, bis sie sich enttäuscht in die fernen östlichen Gebirge zurückzogen. Ähnlich erging es den Zwergen vom Kammerbühl bei Eger, die eines Tages spurlos verschwanden, weil die Menschen ihre Gesellschaft nicht mehr zu schätzen wussten.
Und dann ist da noch die Geschichte vom Moosmann – einem Waldwesen, das in einen tragischen Streit mit einem Bettelmönch geriet. Zur Strafe, so sagt man, wurde der Mönch in Stein verwandelt. Noch heute soll seine Gestalt als Felsnadel im Wald bei Grünbach zu sehen sein.
Der Schatz im alten Herrenturm von Eger
Ein weiteres Kapitel der regionalen Sagenwelt führt in den alten Herrenturm von Eger. Dort entdeckte ein Mädchen eines Tages eine schneeweiße Hand, die sich aus einer Mauerritze streckte. Legte sie Brot hinein, erhielt sie Gold zurück. War es ein echter Schatz – oder nur eine leise Botschaft über Großzügigkeit?
Als die Mutter die Mauer schließlich aufbrach, fand sie tatsächlich kostbare Münzen. Doch heute – so sagen die Leute – ist der Schatz verschwunden. Nur die Geschichte ist geblieben.
Die Drachensage von Rössnitz
In Rössnitz erzählt man sich von einer Frau, die mit einem Drachen im Bunde stand. Am Tag gab er sich als unscheinbare Katze, doch in der Nacht verwandelte er sich in ein feuriges Wesen mit glühenden Augen und langem, schimmerndem Schweif.
Eines Tages bat die Frau ihre Magd, dem Drachen etwas zu essen zu bereiten und es auf der Treppe abkühlen zu lassen. Die Magd folgte der Anweisung – bis die vermeintliche Katze das Mahl entdeckte. Da stieß sie einen schrillen Schrei aus, Funken sprühten aus ihren Augen, und im nächsten Moment standen Scheune und Stall in Flammen.
Die Nachbarn eilten herbei und retteten das Vieh, doch der Schaden war groß. Die Magd verlor ihren Platz – und als die Gebäude wieder aufgebaut waren, tauchte der Drache einfach wieder auf, als sei nichts geschehen.
So erinnert die Sage daran, wie fest der Glaube an übernatürliche Wesen einst in der Region verankert war – und dass Drachen hier nicht nur als gefürchtete Ungeheuer galten, sondern auch als mächtige, manchmal wohlwollende Verbündete.

