2019
So, ich hab ja nix zu tun.
Ich sollte auch einmal beschrieben wie das mit mir als Menschen mit Behinderung unter Menschen war. Eben mit meinen Worten.
Am Ende ist es ein bisschen die Geschichte des VITAL e.V. geworden. Diese Geschichte ist nicht nur meine, sondern auch die vieler anderer.
Contents
- 1 Vom „Ich will niemanden sehen“ zum gelebten Miteinander
- 1.1 Wenn das Leben plötzlich andere Pläne hat
- 1.2 Die seltsame Reise namens Krankheitsverarbeitung
- 1.3 Wie plötzlich mehr Leben entstand als vorher
- 1.4 Aus Begegnungen wurde Bewegung
- 1.5 Der VITAL e.V. wächst – und alle wachsen mit
- 1.6 Berlin, Kanzleramt und eine Rede mit Abenteuerfaktor
- 1.7 Inklusion ist kein Projekt – sie ist Alltag
- 1.8 Und dann kam natürlich noch ein Virus
- 1.9 Am Ende geht es um Menschen
2026 überarbeitet
Vom „Ich will niemanden sehen“ zum gelebten Miteinander
Wenn das Leben plötzlich andere Pläne hat
Manchmal macht das Leben etwas, das ungefähr so fair ist wie Regen am Grillabend oder ein platter Reifen direkt vor dem Urlaub.
Eben läuft alles seinen gewohnten Weg – und plötzlich steht da eine Krankheit im Raum und sagt freundlich-unfreundlich: „So, wir machen jetzt mal alles anders.“
Genau so begann auch meine Geschichte. Oder besser gesagt: Sie begann mit einer Rolle, die ich mir nicht ausgesucht hatte.
Ich war plötzlich nicht mehr einfach ich. Ich war derjenige, der anders aussah, der anders sprach.
Der auffiel, obwohl er das überhaupt nicht wollte.
Diese Geschichte zeigt, wie wichtig es ist, sich mit anderen auszutauschen und gemeinsam an Lösungen zu arbeiten.
Meine Geschichte ist eine von vielen Geschichten, die sich hinter den Erfahrungen von Menschen mit Behinderung verbergen.
Und wenn Menschen plötzlich merken, dass sie anders wirken, entwickeln sie manchmal erstaunliche Talente. Ich zum Beispiel wurde Experte im Vermeiden anderer Menschen.
Jede Geschichte, die wir erzählen, hat das Potenzial, andere zu inspirieren und zu motivieren.
Die Geschichten, die wir teilen, können Brücken bauen und Verständnis schaffen.
Jede einzelne Geschichte ist wichtig und trägt zur Vielfalt unserer Gemeinschaft bei.
Die Geschichte der Krankheitsverarbeitung ist eine, die wir gemeinsam erzählen müssen.
Nicht aus Unfreundlichkeit. Nicht weil ich Menschen nicht mochte.
Sondern weil ich selbst noch nicht verstanden hatte, was eigentlich mit mir passiert war.
Wir alle haben eine Geschichte, die es wert ist, gehört zu werden.
Mein Weg ist eine Geschichte von Rückschlägen und Erfolgen, die ich gerne teile.
Denn so eine Krankheit endet nicht an dem Tag, an dem man das Krankenhaus verlässt. Das wäre schön einfach gewesen. Krankenhaus raus, Stempel drauf, fertig.
So funktioniert das Leben leider nicht.
Die eigentliche Arbeit begann erst danach.
Die seltsame Reise namens Krankheitsverarbeitung
Krankheitsverarbeitung ist eine merkwürdige Sache.
Es ist wichtig zu zeigen, dass jede Geschichte einzigartig ist.
Es gibt dafür keine Bedienungsanleitung. Keinen Schalter und keinen Schnellkurs. Niemand sagt: „Herzlichen Glückwunsch, Sie haben Stufe drei erreicht. „Noch zwei Etappen bis zur Akzeptanz.“
Jeder muss seinen eigenen Weg finden.
Angehörige helfen. Freunde helfen. Eltern helfen. Aber laufen muss man selbst.
Meine Eltern gaben mir die besten Bedingungen, die man sich wünschen kann. Sie waren da, unterstützten mich und fingen vieles auf. Aber den Weg gehen konnte niemand für mich.
2005 wurde ich aus der Klinik entlassen.
2008 war ich langsam soweit, mich anderen Menschen wieder zu öffnen.
Drei Jahre. Das klingt vielleicht lang.
Aber manchmal braucht ein Mensch eben drei Jahre. Manchmal mehr. Manchmal weniger.
Das Leben hält sich selten an Zeitpläne.
Wie plötzlich mehr Leben entstand als vorher
Meine Mutter hatte schon 2005 in der Zeitung von einer Selbsthilfegruppe gelesen.
Sie sagte damals sinngemäß: „Da gehst du hin.“
Und ich dachte ungefähr: „Ganz sicher nicht.“
Drei Jahre später saß ich dann doch dor
Im Komturhof.
Manchmal besuchte ich auch die Gruppe junger Menschen mit Behinderung beim VdK.
Nebenbei wurden wir Mitglied bei einer Elterninitiative.
Plötzlich passierte etwas Seltsames.
Eigentlich hatte ich erwartet, dass sich mein Leben verkleinert.
Aber stattdessen wurde es größer.
Da waren Fahrten nach Hamburg und zum Ammersee.Es gab Tagesausflüge nach Riesa, Naumburg und sogar nach Pilsen.
Die Geschichte des VITAL e.V. ist eine Geschichte des Wachstums und der Veränderung.
Wir alle sind Teil dieser Geschichte und können sie gemeinsam weiter schreiben.
Und irgendwann fiel mir auf
Moment mal. Ich komme jetzt mehr herum als früher.
Jede Begegnung ist eine neue Geschichte, die wir erleben dürfen.
Das Leben besitzt manchmal einen sehr speziellen Humor.
Erst nimmt es einem gefühlt eine ganze Welt weg.
Und später öffnet es an anderer Stelle neue Türen.
Aus Begegnungen wurde Bewegung
Mit der Zeit wurden Treffen zur Gewohnheit.
Aus Unsicherheit wurde Vertrautheit.
Aus Zuschauen wurde Mitmachen.
Dann lernte ich Dr. Erich Rieger kennen.
Damals konnte niemand ahnen, wie wichtig diese Begegnung noch werden würde.
Mit Projekten wie der „Mobilen Akademie ging plötzlich vieles los.
Einmal fuhren wir in den Landtag.
Ein anderes Mal nach Klingenthal.
Und dann passierte etwas Unerwartetes.
Aus dem stillen Teilnehmer wurde langsam jemand, der selbst aktiv wurde.
Zum Abschluss hielt ich sogar einen Vortrag über Inklusion.
Wenn mir das jemand Jahre vorher gesagt hätte, hätte ich vermutlich gelacht.
Oder gefragt, ob die Person Fieber hat.
Der VITAL e.V. wächst – und alle wachsen mit
Langsam entstand der VITAL e.V.
Anfangs ging es um Menschen mit erworbenen Hirnschädigungen und ihre Angehörigen.
Aber eigentlich ging es nie um Diagnosen.
Es ging immer um Menschen.
Denn Krankheiten sind wie Wörter auf Papier.
Menschen sind Geschichten.
Und jede Geschichte ist anders.
Die Geschichten, die wir erzählen, verbinden uns und schaffen ein Netzwerk des Verständnisses.
Es entstanden Projekte, Selbsthilfegruppen und neue Ideen.
Dann kamen Beratungen.
3,39Neue Mitarbeitende kamen dazu.
Neue Kontakte entstanden.
Und wie das im echten Leben eben manchmal passiert, schien zeitweise gleichzeitig halb Deutschland schwanger zu werden.
Kaum hatte sich eine Mitarbeiterin verabschiedet, kündigte die nächste Nachwuchs an.
Das führte zu kreativen Lösungen.
Und plötzlich tauchte Uli Wenzel auf – auch bekannt als der Kartoffelmann.
Allein dieser Name klingt schon wie jemand, der entweder ein Märchenbuch schreibt oder heimlich Superkräfte besitzt.
Mit ihm entstanden Projekte über barrierearme Wanderwege und Aktivitäten rund um das Vogtland.
Und tatsächlich wurde daraus sogar ein Preis.
Das zeigt manchmal etwas sehr Schönes:
Große Dinge entstehen oft nicht aus großen Plänen.
Sondern aus Menschen, die einfach anfangen.
Berlin, Kanzleramt und eine Rede mit Abenteuerfaktor
2012 ging´s nach Berlin ins Kanzleramt.
Dort erhielt der Verein eine Auszeichnung.
Und ich hielt die Dankesrede.
Vor der Kanzlerin. Vor Sponsoren.
Vor vielen Menschen.
Heute muss ich darüber lachen.
Damals dachte ich nur: Hoffentlich versteht irgendjemand irgendetwas.
Glaub nicht, dass jemand was verstanden hat
Inklusion ist kein Projekt – sie ist Alltag
Am Ende geht es immer um unsere Geschichten und die Menschen, die sie erzählen.
Ich lade jeden ein, seine Geschichte zu teilen und Teil dieser großartigen Erzählung zu sein.
Lasst uns die Geschichten, die uns verbinden, nicht vergessen und weiter erzählen.
Mit den Jahren wurde aus einzelnen Ideen immer mehr.
Beratungsstellen entstanden.
Netzwerke wurden aufgebaut.
Der VITAL e.V. wurde Ansprechpartner für Menschen mit Behinderung im gesamten Vogtland.
Es kamen Kooperationen mit Schulen und Bildungseinrichtungen.
Es entstanden kulturelle Projekte.
Neue Gruppen wurden gegründet.
Und irgendwann fiel mir etwas auf:
Früher wollte ich keine Menschen sehen.
Heute arbeite ich mit ihnen.
Früher wollte ich mich verstecken.
Heute halte ich Vorträge.
Früher dachte ich, mein Leben würde kleiner werden.
Heute weiß ich: Es wurde nur anders.
Und manchmal bedeutet „anders“ nicht schlechter.
Manchmal bedeutet es einfach nur: neuer Weg.
Und dann kam natürlich noch ein Virus
Als der Verein gerade sein zehnjähriges Bestehen feiern wollte, passierte etwas, das niemand auf dem Zettel hatte.
Die Welt drückte plötzlich auf Pause.
Denn offenbar dachte sich das Universum: „Ihr habt gerade einen guten Lauf. Das wäre ja zu einfach.“
Aber selbst daraus entstand eine Erkenntnis.
Menschen mit Behinderung verschwinden nicht.
Schlaganfälle verschwinden nicht.
Herausforderungen verschwinden nicht.
Aber Menschen lernen weiter.
Sie passen sich an.
Sie kämpfen weiter.
Und sie gehen weiter.
Vielleicht langsamer.
Vielleicht anders.
Aber sie gehen weiter.
Am Ende geht es um Menschen
Wenn ich heute auf alles zurückblicke, sehe ich keine perfekte gerade Linie.
Eher eine Straße voller Umwege, Baustellen, Schlaglöcher und überraschender Ausfahrten.
Aber vielleicht sieht das Leben genau so aus.
Nicht geschniegelt und gerade. Sondern echt.Und vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis:
Manchmal beginnt etwas Großes genau dort, wo man glaubt, dass alles zu Ende ist.
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Und jetzt interessiert mich eure Geschichte: Habt ihr selbst erlebt, wie sich aus einer schwierigen Situation plötzlich neue Wege ergeben haben? Schreibt es in die Kommentare – vielleicht macht eure Erfahrung jemand anderem gerade ein kleines Stück Mut.

